ZEITZUFLUCHT
Georgi Gospodinov
Aufbau Verlag, 2022

In Georgi Gospodinovs „Zeitzuflucht“ führt uns unser Erzähler (ein bulgarischer Romanautor) durch seine Beziehung zu Augustine-Garibaldi, kurz Gaustine (frühe Theologie und später Revolutionismus ist eine gewagte Mischung). Gaustine ist ein geriatrischer Psychiater, der sein Wissen nutzt, um Demenzkranke oder Alzheimerpatienten zu behandeln, indem er ihnen einen sicheren Raum schafft – einen Raum und eine Zeit, die durch ihren Geisteszustand definiert werden und die sie mit Glück assoziieren. Seine «Klinik der Vergangenheit» besteht aus sorgfältig gestalteten Räumen, die jeweils für ein bestimmtes Jahrzehnt der Geschichte stehen.

„Also, das Thema ist das Gedächtnis. Tempo: andante bis andante moderato, sostenuto (zurückhaltend). Vielleicht wäre die Sarabande mit ihrer beherrschten Feierlichkeit, mit der Punktierung der zweiten Note gut für den Anfang. Eher Händel als Bach. Strenge Wiederholung und zur gleichen Zeit kommt sie vom Fleck. Zurückhaltend und feierlich für den Anfang. Danach kann – und muss – alles zerfallen.“

Der in fünf Abschnitte unterteilte Roman dreht sich um die Themen Verlust, Flucht, Kontrolle und Anhalten der Zeit sowie um die Folgen der Entscheidung, in der Vergangenheit zu leben, anstatt nach vorne zu blicken und vorwärts zu gehen. Zu Beginn ist der Ton von trockenem Humor und Nostalgie geprägt, doch allmählich wird er dystopisch und kritisch und das Buch verwandelt sich in eine geschickte Demontage der europäischen Vergangenheit.

„Die Vergangenheit ist nicht nur das, was dir passiert ist. Manchmal ist sie jenes, das du nur erfunden hast.“

Georgi Gospodinovs „Zeitzuflucht“ ist komplex und brillant, manchmal nachdenklich, beängstigend und stellenweise hart. Das Buch ist literarische Fiktion vom Feinsten und begeistert mit kleinlichen Details und einem bemerkenswerten Gespür für die menschliche Sentimentalität. Fans von Camus, Dostojewski und Kafka werden von Gospodinovs Werk begeistert sein.

Buchempfehlung von Nicolas Gassmann